Wohlbehalten, um viele Eindrücke, Erfahrungen und Sprachkenntnisse reicher kehren 29 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 9 und 10 der Erweiterten Realschule Beckingen aus Südengland zurück. Bei schönem und noch warmen Wetter verlief unsere Anreise seit den frühen Morgenstunden (730 Uhr !!! - und ein schulfreier Samstag!!!) über Luxemburg, Belgien und Frankreich nach Calais. Während der eineinhalbstündigen Überfahrt konnte man den Bewegungsmangel der langen Busfahrt ausgleichen und sich mit Unterstützung der Bordgastronomie stärken. Spätestens als die beeindruckenden Kreideklippen von Dover sichtbar wurden, fanden sich die meisten staunend auf Deck ein.
Gegen 1600 Uhr (GMT – die Uhren waren mittlerweile um eine Stunde
zurückgestellt) setzten wir die Fahrt zu Lande fort. Noch ca. 260 Kilometer
waren zu bewältigen. Der Bus erreichte das Ziel, einen Busparkplatz in einem
Park im Osten der Stadt Bournemouth im Süden Englands mit Beginn der Dämmerung.
Beim Schein von Taschenlampen gab es die ersten Kontakte mit den sich rasch
einfindenden Gasteltern.
Am Sonntagvormittag stand zunächst die Besichtigung des facettenreichen Gartens
von Compton Acres, hoch über der Nachbarstadt Bournemouth’ Poole, mit ihrem nach
Sydney zweitgrößten Naturhafen der Welt, auf dem Programm. Der Ort fasziniert
den Besucher mit typischen Vegetations- und Architekturelementen der Gärten
verschiedener Länder wie Japan, Italien, Spanien und England; aber auch eine
Vorstellung von Naturlandschaften wie kanadischen Wäldern oder schottischen
Heiden wird vermittelt. Leider gab uns das diesige Wetter nie so recht den Blick
frei auf die in Reiseführern für ihre zauberhafte Form gerühmte Bucht.
Nachmittags kutschierte uns der Fahrer der Fa. Becker, Herr Thiel, mit seinem
Bus 30 Kilometer weiter gen Westen nach Lulworth. Hier unternahmen wir eine
Wanderung auf dem Küstenpfad von Lulworth Cove nach Durdle Door, zwei Highlights
unter Englands Küstenspektakeln. Bei Lulworth Cove handelt es sich um eine fast
kreisrunde Bucht, die vor etwa 10.000 Jahren durch die Erosion eines
Fließgewässers und des Meeres entstand, bei Durdle Door um einen herrlich
geformten Sandsteinbogen als Kulisse hinter einer kleinen Bucht. Der Küstenabschnitt gehört zum Weltnaturerbe. Anschaulich vermittelt der durch
die abtragende Kraft der Stürme und Gezeiten freigelegte Fels eine Vorstellung
von der Entstehung und Veränderung der Erdoberfläche durch ungeheure Gewalten,
beginnend vor 150 Millionen Jahren und bis in unsere Zeit hinein wirkend.
Lulworth Cove und Durdle Door trennt eine Entfernung von 1,5 Kilometern. Weil
jedoch 130 anstrengende Höhenmeter zu überwinden waren schaffte es nur ein Teil
der Gruppe sich von der Schönheit von Durdle Dor zu überzeugen.
Für Montag hatten wir uns die Besichtigung der Stadt Salisbury, ca. 50 Kilometer
nördlich von unserem Quartier gelegen, vorgenommen. Salisbury gilt neben Bath
als die schönste Stadt im Süden Englands. Schon bei der Anfahrt grüßte von
weitem der mit 124 m Höhe höchste Kirchturm des Landes. Mit etwas Verspätung
(Parkplatzsuche!) überquerten wir die mit schönen alten Häusern eingefasste
Domfreiheit, den riesigen Rasenplatz, in dessen Mitte sich die einzigartige
gotische Kathedrale erhebt. Unser Führer – ein freundlicher älterer Herr, der
als Soldat in Rheinland-Pfalz Deutschkenntnisse erworben hatte wartete bereits.
Nach der Begrüßung informierte er über die Ursprünge der Stadt (Old Sarum, ein
seit der Eisenzeit besiedeltes Hügelfort außerhalb) und ihre Geschichte, die
45-jährige Bauzeit (1220 –1265) der Kirche, die Herkunft der verbauten
Natursteinarten. Auf einem anschließenden Rundgang zeigte er uns einige
interessante Details, wie Englands ältestes, vermutlich um das Jahr 1386
angefertigtes Uhrwerk, das heiter-bunte Grabdenkmal der Familie Mompesson, wie
sich die sich die vier Hauptsäulen des ursprünglich nicht geplanten erst 1315
vollendeten Turmes, unter der ungeheuren Last von 6400 Tonnen Stein, krümmen.
Für den, der sich nach der Führung noch weiter umschauen wollte gab es die
Möglichkeit den Kreuzgang der Kathedrale zu bewundern, im Kapitelhaus ein
ausgestelltes Original der Magna Charta, einer Verfassungsurkunde (1215), in der
Adel und Kirche dem verhassten König weitreichende Rechte abtrotzten, zu
betrachten oder, wie in vielen englischen Kirchen angeboten, einen Imbiss zu
sich zu nehmen.
Im Verlauf der anschließenden Erkundung der Altstadt konnte man dem Avon durch
das Stadtzentrum folgen, rund um den Marktplatz flanieren und das prachtvolle
Marktkreuz Poultry Cross bestaunen, sich in der Milford Street das aus dem 14.
Jh. stammende Red Lion Hotel anschauen, in dessen verwunschenem, efeuumrankten
Innenhof früher die Postkutschen einfuhren.
Gestärkt und ein wenig ausgeruht setzten wir nachmittags unsere Fahrt noch rund
20 Kilometer weiter gen Norden, nach Stonehenge, zum berühmten 3500 Jahre alten
Steinkreis, dem größten steinzeitlichen Monument Europas, fort. Bei schauerlich
stürmisch-kaltem Wetter umrundeten nur einige Unerschrockene, die sich nicht vor
drohender Durchnässung fürchteten die Anlage. Stonehenge war sehr
wahrscheinlich ein Tempel, obwohl man nicht weiß, welche Gottheit verehrt wurde
und welche kultischen Rituale im Innern des Steinkreises
stattfanden. Möglicherweise diente er der Sonnenanbetung, da man exakt den
Sonnenauf- und -untergang zum Mittsommer sowie Sonnenaufgang und -untergang zum
Mitwinter bestimmen konnte; auch Mondauf- und -untergang sowie eine
Mondfinsternis ließen sich mit Hilfe der Anlage errechnen. Die rund 80 kleineren, sogenannten Blausteine aus Wales hatten
zusammengenommen etwa ein Gewicht von 100 Tonnen. In den Preseli Mountains von
Südwest-Wales liegen solche Wackermänner überall herum, so dass keine
Steinbrucharbeiten nötig waren. Auf Schlitten, die über runde Stämme gezogen
wurden, brachte man etwa 2000 v.Chr. die Steine in den Naturhafen von Milford
Haven und verfrachtete sie dort auf Flöße, war doch der Transport zu Wasser
wesentlich einfacher als über Land - gutes Wetter und kein Seegang
vorausgesetzt. Dann ging es entweder mit Ruderkraft oder möglicherweise schon
mit Segeln die Südküste von Wales entlang.
Auf der Höhe des heutigen Bristol, dort, wo der Avon mündet, wurden die Steine
auf Boote umgeladen, da die Flöße auf dem seichten und schmalen Strom zu
unhandlich waren. Über drei miteinander vertäute Einbäume kam ein gemeinsames
Deck aus Stämmen, auf das man den Stein legte. Die Boote wurden dann entweder
getreidelt oder gestakst. Kurz vor Stonehenge ging es wieder mit Schlitten bis
zur Baustelle.
Schwieriger gestaltete sich der Transport der zwischen 25 und 50 Tonnen schweren
Sandsteinmonolithen, die in der Frühbronzezeit (2000 –1500 v. Chr.) über eine
Strecke von 30 km herangeschafft werden mussten. Jeder der riesigen Findlinge
lag auf einem mächtigen Schlitten, der über eine Rollenbahn gezogen wurde. Hatte
der Schlitten eine solche Rolle passiert, waren sechs Männer notwendig, um einen
der runden Stämme von hinten wieder nach vorne zu bringen. In der Ebene
benötigten die frühen Ingenieure 50 Personen, um einen 25 Tonnen schweren Block
fortzubewegen. Am Redhorn Hill, einige Kilometer nördlich von Stonehenge, geht
es jedoch steil bergauf, und dort waren über 1000 Männer erforderlich, um einen
der schweren Steine hochzubekommen.
Nur über Hebelbewegungen wurden die Steine aufgerichtet. Man grub ein Loch,
brachte den Wackermann auf Rollen heran, setzte einen langen Stamm unter sein
Ende und hebelte ihn in die Grube. Mit weiteren Hebelbewegungen - wobei man den
Hebel auf langsam erhöhten Lagen von Stämmen aufsetzte - brachte man den Stein
annähernd in die Senkrechte und zog ihn zum Schluss mit Seilen in die aufrechte
Position; dann wurde das Loch mit Steinen und Sand geschlossen.
Die Decksteine, also der obere Abschluss eines Trilithen, kamen wahrscheinlich
über ein Gerüst nach oben. Unsere frühen Bauarbeiter legten rund um die beiden
Ständersteine kreuzweise Lagen von Vierkanthölzern hoch, die mit Planken bedeckt
waren, auf denen der Abschlussstein ruhte. Oben dann angekommen, wurde die
Oberschwelle mittels Hebelkraft auf die bei den Ständersteine gelegt; Zapfen in
den stehenden Steinen und Löcher in der Oberschwelle sorgten dafür, dass alle
Monolithe zusammenhielten.
Dienstagmorgen trafen wir uns im Kingspark am Bus, um gemeinsam zur nahegelegenen Porchester School zu pilgern. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Leiter Herrn Idle wurden wir in kleinen Gruppen auf verschiedene Klassen aufgeteilt und nahmen den Vormittag über am Unterricht teil. Vor einem abschließenden Imbiss in der Schulkantine unterhielten sich Herr Idle und einige Schüler mit uns über unsere Eindrücke und beantworteten unsere Fragen. Der Nachmittag stand für Erkundungen auf eigene Faust zur Verfügung. Wir spazierten zunächst noch gemeinsam durch den Stadtteil Boscombe bis zum gleichnamigen Pier, den wir als Treffpunkt für den „Heimweg“ vereinbarten.
Ungefährdet vom Verkehr der Großstadt war das Zentrum von Bournemouth in etwa
1,5 Kilometer Entfernung über die Strandpromenade zu erreichen. Zu bestaunen am
Undercliff Drive: die Schrägaufzüge, die bequem den Strand unterhalb der steilen
Klippen erschließen. Lohnende Ziele in der City waren das Ozeanarium, der
herrliche Park, in dem ein riesiger Ballon Besucher über die Stadt hebt oder die
Bournemouth Pier (im Bildhintergrund die Isle of Wight). Freunde von
Gruselgeschichten pilgern zum Grab von Mary Wollstonecraft-Shelly, der Autorin
des Romans Frankenstein, auf den Friedhof der St.-Peters-Kirche. Möglichkeiten
zum Einkaufen und Ausruhen gab es mehr als genug. Mittwochs mussten wir bis kurz
nach 10 Uhr die 90 km bis Portsmouth zurückgelegt haben. Der Weg führt vorbei an
der Landschaft des New Forrest und Englands wichtigster Hafenstadt Southhampton,
von der aus 1912 das damals größte Passagierschiff der Welt, die Titanic in See
stach.
Der rund 350 km2 große, unter Naturschutz stehende New Forest, ein
wunderschönes, ruhiges Wald- und Heidegebiet, einer der landschaftlichen
Höhepunkte im Süden Englands, lädt zu Wanderungen und Spaziergängen ein. Wilhelm
der Eroberer ließ die damals dichtbewaldete Region 1079 exklusiv für seine
Jagdgesellschaften reservieren. Das englische Wort Forest, heute allgemein mit
"Wald" übersetzt, bezeichnete in jenen Tagen den königlichen Forst, der
ausschließlich dem Nutzen des Herrschers diente.
Im 17. und 18. Jh. wurden die großen Wälder durch die Flottenbauprogramme
erheblich verkleinert, 100 Jahre später dann avancierte die Region per
Parlamentsbeschluss zum Naturschutzgebiet, und es wurde kräftig aufgeforstet.
Im gesamten Gebiet findet der Besucher die frei grasenden, halbwilden New Forest
Ponies, die schon einmal stoisch auf der Fahrbahn stehen; auch Rinder haben hier
einen geschützten Lebensraum und liegen nicht selten wiederkäuend auf der
Straße. Der Autofahrer wird um eine defensive Fahrweise gebeten, Tiere, haben im
Naturschutzgebiet "Vorfahrt".
Im Zentrum des New Forest liegt das Landstädtchen Lyndhurst, in dem ein
Informationszentrum den interessierten Besucher tiefer mit der Fauna und Flora
der Region bekannt macht.
Auf dem Friedhof des kleinen Ortes fand Mrs. Reginald Hargreaves, die hochbetagt
1932 starb und mit ihrem Mädchennamen Alice Liddel in die englische
Literaturgeschichte eingegangen ist ihre letzte Ruhestätte. Als kleines Mädchen
hatte sie Lewis Carroll zu seiner "Alice in Wonderland" (1865) inspiriert.
Portsmouth glänzt durch seinem großen Reichtum an Sehenswürdigkeiten und
Zeugnisse der Seefahrtsgeschichte. Im Historic Dockyard besuchten wir die
Schiffe Mary Rose aus der Zeit Heinrichs VIII, die HMS Victory, das Flagschiff
Admiral Nelsons und sahen den Dreimaster HMS Warrior, den Stolz der
viktorianischen Marine, das stärkste Kriegsschiff Heinrich VIII. Es sollte eine
Streitmacht gegen die vor Portsmouth kreuzenden Franzosen anführen. Es kenterte
am 19. Juli 1545 beim Auslaufen vor den Augen des entsetzten Königs; 700 Mann
ertranken. In der einer Klimahalle ist eine Längsseite des Schiffes zu
besichtigen. Konstante 5°C und ein feiner Seewassersprühregen halten die
Schiffsplanken solange unter Meereskonditionen, bis die Restauratoren geeignete
Konservierungstechniken entwickelt haben. Ohne diese Maßnahmen wären die
Holzplanken schon lange zerfallen.
Während wir in der Klimahalle der Mary Rose durch einen Audioguide informiert
wurden, bewies Herr Brutty auf der HMS Victory seine Qualitäten als
Fremdenführer.
Lord Horatio Nelson lief am 14. September 1805 mit seiner HMS Victory von
Portsmouth Harbour aus, um die Seeherrschaft der Franzosen ein für allemal zu
brechen; das gelang ihm in der Schlacht von Trafalgar.
Die Victory, ein Dreimaster, ist 62 m lang, 15,5 m breit und erreichte bei gutem
Wetter unter vollen Segeln eine Geschwindigkeit von 8 Knoten (knapp 15 km/h ).
Über 41 km an Seilen sicherten die drei Masten und die insgesamt 1,6 ha oder
16.000 m2 an Segelfläche. Das doppelte Steuerrad der Victory wurde unter
normalen Wetterkonditionen ,,nur“ von vier, bei Sturm von acht Mann bedient. Im
Unterdeck besaß sie 30 Kanonen des Kalibers 32 Pfund, im Mitteldeck 28
Vierundzwanzigpfünder, auf dem Oberdeck 30 und dem Achterdeck zwölf Zwölfpfünder
sowie auf dem Vorderdeck zwei Achtundsechzigpfünder und zwei Zwölfpfünder. Die
68er Mörser waren für kurze Entfernungen konzipiert und richteten verheerende
Schaden an. Eine Kugel aus einem Zweiunddreißigpfünder durchschlug noch nach 1,5
km Flug 60 cm dicke Eichenbalken .
850 Mann Besatzung waren nötig, um das Schiff kampftüchtig zu halten. Allein
eine Kanone des Kalibers 32 benötigte eine Crew von 12 Personen; hinzu kam noch
der Pulverjunge, Monkey genannt, der das Schiesspulver aus verständlichen
Sicherheitsgründen für jeden einzelnen Schuss aus den tief im Innern des
Schiffes gelegenen, besonders geschützten Hanging Magazines holte. Die
Geschützmannschaften waren derartig gut gedrillt, dass die Victory alle 90
Sekunden eine volle Breitseite feuern konnte.
Gegessen und geschlafen wurde auf allen drei Decks zwischen den Kanonen; allein
im Unterdeck aßen und schliefen 550 Mann. Dabei bekam jeder Matrose eine
,,Schlafbreite" von 14 inch = 35,5 cm zugestanden. In Friedenszeiten hingen
Tischplatten an Seilen von der Decke, und einfache Bänke dienten als
Sitzgelegenheiten.
Drei Mahlzeiten gab es pro Tag; morgens Porridge aus Weizenmehl mit einem Schlag
Fett, mittags gepökeltes Schweine- oder Rindfleisch mit getrockneten Erbsen und
Schiffszwieback und abends Zwieback mit Käse und Butter. Auf jedem Deck befanden
sich große Fässer, in denen schon nach einigen Tagen auf See das faulende Wasser
stank; nach einer zeitgenössischen Quelle hatte dieses wichtigste aller
Lebensmittel eine “Farbe von der Borke eines Birnenbaums, mit Maden und
Rüsselkäfern darin“. Ähnliches wird vom Schiffszwieback berichtet, der den
Schlund ganz eisig werden ließ, wenn man ihn herunterschluckte, weil "die Maden
sehr kalt waren, und der wie Kalbspfote in Aspik oder wie ein glibriger
Wackelpudding schmeckte."
Die einzige Freude der hart arbeitenden Seeleute war die täglich ausgegebene
Rum-Ration. Pro Mann gab es einen Viertelliter, der in einem großen Hieb
weggeschluckt werden musste; so hatten die Matrosen keine Möglichkeit, den
Alkohol zu horten und für ein großes Besäufnis aufzusparen.
Bänke und Tische ließen sich vor einem Kampfeinsatz leicht forträumen und
verstauen. Abends hängten die Männer dann ihre Hängematten an die Decke, des
Morgens wurden sie zu einem Bündel zusammengerollt. Die Brücke, also das hintere
erhöhte Deck, der Ort, von dem die Offiziere ihre Befehle gaben, war mit Netzen
eingefasst. Drohten Kampfhandlungen, so kamen die zu Würsten gerollten
Hängematten dort hinein und dienten als Splitterschutz.
Am frühen Morgen des 21. Oktober 1805 sichtete Nelsons Flotte die französischen
Schiffe vor dem südspanischen Kap Trafalgar. Napoleons Seestreitmacht war
wesentlich stärker als die britische; die Franzosen konnten sieben Schiffe mehr
in die Schlacht führen. Um 7 Uhr gab Nelson den Befehl Prepare for Battle, dann
formierten sich die Flotten zu Kampfverbänden. Als die Schiffe noch 2,5 km
voneinander entfernt waren, sagte Nelson zu seinem Adjutanten: ,,Ich werde die
Flotte jetzt mit einem Signal erfreuen!" Und dann liess er den Spruch
übermitteln, den jedes englische Schulkind kennt. „England expects that every
man will do his duty“ (England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut). Um
12.40 Uhr eröffnete die Victory eine erste Breitseite auf das französische
Flaggschiff Bucentaure. Die Kanonade aus 52 Geschützen richtete verheerende
Schäden an, tötete an die 200 Franzosen und ließ; das Schiff des Admirals
Villeneuve manövrierunfähig zurück. Dann durchbrach die Victory den feindlichen
Verband, gefolgt von weiteren britischen Schiffen, die ihre Breitseiten auf die
Franzosen abfeuerten. Eine parallel zur Victory segelnde britische Streitmacht
durchbrach an einer weiteren Stelle die Linie, so dass die Flotte der Franzosen
in drei Teile gespalten war und nicht mehr synchron kämpfen konnte.
Um 13.25 Uhr, 45 Minuten nachdem die Victory das Feuer eröffnet hatte, wurde
Nelson von der Musketenkugel eines Mastschützen getroffen. Rasch brachten einige
Offiziere den Admiral - der sich sein Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit
seine Männer nichts vom Ausfall ihres obersten Schlachtenlenkers sahen - unter
Deck. Doch der Schiffsarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Als die Kämpfe vorbei
waren, kam Thomas Hardy, der Kapitän der Victory, hinunter, gratulierte Nelson
zu seiner erfolgreichen Taktik und meldete die Versenkung oder Zerstörung von 15
französischen Schiffen. ,,Das ist gut", soll Nelson geflüstert haben, doch hatte
ich eigentlich mit 20 gerechnet.“ Und so verschied der Held von Trafalgar.Den weitaus meisten Engländern galt sein Tod übrigens als göttliche Strafe für
sein langjähriges Verhältnis mit Lady Emma Hamilton, der Frau des britischen
Gesandten in Neapel. Die sterblichen Reste des Admirals wurden in der St. Paul's
Cathedral beigesetzt.
Nach einem Imbiss auf dem historischen Hafengelände vermittelte uns eine Hafenrundfahrt auf einem Katamaran einen Überblick über die Vielfalt moderner Seeschiffe, Hafeneinrichtungen und Funktionen. Das Programm des Tages endete in einer modernen Halle. An sogenannten Action Stations (z.B. Flugsimulator, Landungsbootsimulator, Simulatoren für Waffensysteme, motorbetriebene Kletterwand, ...) gewährte man uns Einblicke ins Leben der modernen Marine. Von einem integrierten Internetkaffee aus, versandten einige trotz Hindernissen Botschaften in die Heimat.
Das Geburtshaus des sozialkritischen Dichters Charles Dickens (7. Februar 1812) steuerten wir aus Zeitmangel nicht mehr an. Dickens ist jedoch nicht der einzige Autor, den Portsmouth vorzuweisen hat. H. G. Wells (1866-1946), der "Erfinder" der Zeitmaschine, arbeitete als junger Mann in der St. Paul's Road in einem Textilgeschäft, zog sich in jede freien Minute hinter einen Tuchballen zurück, las und bildete sich weiter. Im September 1882 öffnete Arthur Conan Doyle (1859-1930) in Bush Villas Nr. 1 eine Arztpraxis. Fünf Jahr, später erschien sein erster Roman "A Study in Scarlet" (dt. "Späte Rache"), in dem Sherlock Holmes - benannt nach zwei be-kannten Cricketspielern - zum ersten Mal auftritt. Den Dr. Watson, der dem Detektiv zur Seite steht, modellierte Doyle nach dem Arzt Dr. James Watson, dem Präsidenten der literarischen und naturwissenschaftlichen Gesellschaft von Portsmouth. Am Donnerstag hieß es in der Frühe Abschied von den Gasteltern nehmen und Start zur Rückreise über London (ca. 180 km). In der Nähe von Marble Arch stiegen wir aus. Zunächst mussten in der Park Lane noch Eintrittskarten für Tussauds gekauft werden. Eine kurze Etappe mit einem Sightseeing-Bus bis zur Ecke Bakerstreet/Marylebone Road, das Wachs-figurenkabinett war erreicht.
Es wurde 1835 von Marie Tussaud, einer vermutlich aus der Schweiz stammenden
französischen Wachsbildnerin, gegründet. Nachdem Marie Grosholtz (1760-1850) im
Jahr 1794 François Tussaud geheiratet hatte, wurde sie zunächst die Hauslehrerin
der Schwester Ludwigs XVI. Während der Französischen Revolution als Monarchistin
verhaftet, war sie gezwungen, von den Opfern der Guillotine Totenmasken
anzufertigen.
1802 ging Tussaud nach England und gründete in der Baker Street 1835 ihr
Wachsfigurenkabinett. Heute befindet sich das Museum in der Marylebone Road.
Viele der ausgestellten Wachsfiguren, so die von Horatio Nelson und Sir Walter
Scott, wurden von der Gründerin selbst angefertigt. Die Sammlung, zu der
inzwischen lebensgroße Modelle von historischen Persönlichkeiten, Politikern,
Sportlern und Unterhaltungsstars gehören, wird ständig aktualisiert. In einer so
genannten Chamber of Horrors (Schreckenskammer) sind berühmte Kriminalfälle und
Gewaltverbrechen nachgestellt. Die beliebte Touristenattraktion, zieht jährlich
2,5 Millionen Besucher an. Unsere Mittagspause verbrachten wir im Sonnenschein
auf dem Rasen des nahegelegenen Regents Parks.
Danach war eine Sightseeing-Tour mit einen Doppeldecker-Bus5314 angesagt. Bei
Sonnenschein, aber allmählich kühler werdenden Temperaturen, flitzten, begleitet
von Kommentaren aus kleinen Kopfhörern vorbei: Picadilly Circus, Trafalgar
Square, Downing Street, Houses of Parliament mit "Big Ben"5300, und seiner
weltberühmten 13 Tonnen schweren Glocke, das zur Jahrtausendwende eingeweihten
größte Riesenrad der Welt, das "London Eye", von dem aus bei gutem Wetter aus
135 Meter Höhe das fast 40 Kilometer entfernte Windsor zu sehen ist, die St.
Pauls Kathedrale, die Tower Brücke, Shakespeares Globe Theater, Westminster Abby
und schließlich die Endstation für uns: Hyde Park Corner. Aus dem fahrenden Bus
gelang dem einen oder anderen auch ein Schnappschuss auf den Canary Wharf Tower (in den fünfziger Jahren lagerten hier
Bananen und Tomaten von den Kanaren!) dem wirtschaftlichen Zentrum der Docklands
und mit 237 Metern höchsten Gebäude Groß-Britanniens (der amerikanische
Architekt argentinischer Herkunft Cesar Pelli schuf auch den Petronas Tower in
Kuala Lumpur!) oder die neue City Hall, mit dem mietbaren "Wohnzimmer Londons"
im 10. Stock, eine gewagten Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton entworfen vom
Architekten der Berliner Reichstagskuppel Norman Forster. Forster schuf auch die
"Glasgranate", den Swiss-Re-Turm von fast 200 Metern Höhe und die 325 m lange
stählerne Millennium Brücke, die erste Flussüberquerungsmöglichkeit für
Fußgänger über die Themse in Zentrallondon (Höhe St. Pauls Kathedrale) seit über
einem Jahrhundert. Nach etwa zwei Stunden Sitzen und angestrengtem Spähen und Lauschen freuten wir
uns auf ein abschließendes Shopping im Stadtteil Soho. Den Weg dorthin hatten
wir so gewählt, dass das bekannte Hard-Rock-Kaffee zum Souvenirkauf angesteuert
werden konnte.
Als sich bereits mit Einbruch der Dunkelheit alle wohlbehalten an der Eros
Statue am Picadilly Circus eingefunden hatten, und wir gemeinsam zum Bus
Richtung Trafalgar Sqare pilgerten, stimmte man wohl darin überein, dass ein
Besuch bei weitem nicht ausreicht, denn in London ist alles überdimensional.